PrimaluceLab EAGLE 6 gegen MeLE Quieter 4C N100
Welcher Steuer-PC ist die bessere Wahl für die Astrofotografie?
Ein leistungsfähiger Steuerrechner gehört heute für viele Astrofotografen ebenso zum Setup wie Montierung, Kamera und Guiding-System. Programme wie N.I.N.A., PHD2, ASTAP, Stellarium, ASCOM und verschiedene Hersteller-Tools ermöglichen eine weitgehend automatisierte Aufnahmesession – vorausgesetzt, der verwendete Rechner ist zuverlässig, ausreichend leistungsfähig und für den Einsatz am Teleskop geeignet.
Mit dem PrimaluceLab EAGLE 6 und dem MeLE Quieter 4C treten zwei sehr unterschiedliche Konzepte gegeneinander an.
Der EAGLE 6 wurde von PrimaluceLab von Grund auf als Steuerrechner für Teleskope entwickelt. Der MeLE Quieter 4C ist dagegen ein extrem kompakter und passiv gekühlter Windows-Mini-PC, der ursprünglich nicht ausschließlich für die Astronomie konzipiert wurde, sich dafür aber hervorragend einsetzen lässt.
Ich habe beide Systeme unter dem Gesichtspunkt betrachtet, was für eine typische moderne Astrofotografie-Ausrüstung tatsächlich entscheidend ist.
Die beiden Testkandidaten
| PrimaluceLab EAGLE 6 | MeLE Quieter 4C | |
|---|---|---|
| Prozessor | Intel Celeron J6412 | Intel N100 |
| Kerne/Threads | 4 / 4 | 4 / 4 |
| RAM | 8 GB DDR4 | 8 GB |
| SSD | 128 GB NVMe | 256 GB NVMe |
| Betriebssystem | Windows 11 Enterprise | Windows 11 |
| Kühlung | aktiv | passiv, lüfterlos |
| USB | 10 Anschlüsse | 4 Anschlüsse |
| 12-V-Ausgänge | vorhanden | keine vergleichbare integrierte Stromversorgung |
| Dew-Heater-Steuerung | integriert | nein |
| GPS | integriert | nein |
| Montage am Teleskop | speziell dafür konzipiert | über Halterung möglich |
| Hauptzweck | Teleskop-/Observatoriumssteuerung | universeller Mini-PC |
Der EAGLE 6 verfügt neben dem Rechner selbst über eine umfangreiche Infrastruktur für das Teleskop. Dazu gehören zehn USB-Anschlüsse, mehrere 12-V-Ausgänge sowie separat steuerbare Ausgänge für Heizungen. Zusätzlich sind unter anderem GPS, Neigungssensor und weitere Überwachungsfunktionen integriert.
Der MeLE verfolgt dagegen einen wesentlich einfacheren Ansatz: ein möglichst kleiner, lautloser Windows-PC, an den die astronomische Hardware über USB und gegebenenfalls einen USB-Hub beziehungsweise eine separate Stromverteilung angeschlossen wird.


Prozessorleistung: N100 gegen Celeron J6412
Hier zeigt sich einer der interessantesten Unterschiede.
Der im EAGLE 6 eingesetzte Intel Celeron J6412 ist ein sparsamer Quad-Core-Prozessor mit einer TDP von 10 Watt.
Der Intel N100 im MeLE stammt aus einer deutlich neueren Prozessorgeneration und ist trotz seiner niedrigen Leistungsaufnahme erstaunlich leistungsfähig.
In der Praxis fühlt sich der MeLE deshalb bei typischen Windows-Aufgaben häufig deutlich schneller an.
Das macht sich beispielsweise bemerkbar beim:
- Starten von N.I.N.A.
- Öffnen von ASTAP
- Plate Solving
- Wechsel zwischen mehreren Programmen
- Windows-Remote-Desktop
- gleichzeitigen Betrieb von N.I.N.A., PHD2 und weiteren Anwendungen
- Übertragen großer FITS-Dateien per Netzwerk
Gerade beim Plate Solving und bei umfangreicheren Aufgaben ist der N100 eine sehr gute Wahl für einen kleinen Astro-Rechner.
Vorteil: MeLE Quieter
Der Punkt geht für mich eindeutig an den MeLE.
Der N100 ist für einen so kleinen und sparsamen Prozessor überraschend leistungsfähig. Für die reine Rechenleistung bekommt man mit dem MeLE wesentlich mehr Gegenwert.
Arbeitsspeicher
Beide Testsysteme verfügen über 8 GB RAM.
Für die eigentliche Teleskopsteuerung reicht das grundsätzlich aus. N.I.N.A., PHD2, ASTAP und ASCOM laufen damit problemlos.
Allerdings sollte man berücksichtigen, dass 8 GB heute eher die Untergrenze für einen universellen Windows-Astro-PC darstellen.
Wer beispielsweise zusätzlich:
- mehrere Kameras parallel betreibt,
- Planetariumssoftware zusätzlich verwendet (z.B. Stellarium oder Cartes Du Ciel)
- Remote Desktop nutzt,
- Bilder während der Aufnahme verarbeitet,
- große FITS-Dateien lokal speichert,
profitiert von mehr Arbeitsspeicher.
Hier haben beide Systeme keinen wirklichen Vorteil gegenüber dem jeweils anderen.
Ich würde auch mit den Erfahrungen heute zu 16GB RAM greifen, da Windows 11 damit einfach flüssiger läuft.
SSD-Speicher
Der getestete MeLE verfügt über eine 256-GB-SSD, während der EAGLE 6 mit einer 128-GB-NVMe-SSD ausgestattet ist. PrimaluceLab setzt dabei bewusst auf eine industrielle SSD, die für einen zuverlässigen Betrieb und auch für niedrige Temperaturen ausgelegt ist.
Für die reine Teleskopsteuerung reichen 128 GB durchaus aus.
Wenn der Rechner allerdings gleichzeitig als lokaler Speicher für Aufnahmen verwendet wird, sind 256 GB wesentlich angenehmer.
Gerade eine moderne CMOS-Kamera wie beispielsweise eine ASI2600 produziert bei einer langen Aufnahmesession schnell viele Gigabyte an Daten, wenn man z.B. mehrere Nächte unterwegs ist und nicht alles auf die heimischen Festplatten kopieren kann.
Es gibt beide PC in größeren SSD-Versionen, sowohl den PrimaluceLab als auch den Mele Quieter.
Lüfter (Vibrationen)
Der Quieter 4C ist vollständig passiv gekühlt. Es gibt keinen Lüfter, der Geräusche erzeugt oder Vibrationen am Teleskop/Montierung.
Das klingt zunächst nach einem kleinen Detail. In der Astrofotografie ist es jedoch durchaus relevant.
Der Rechner sitzt häufig direkt am Teleskop und arbeitet während einer kompletten Nacht. Ein Lüfter kann nicht nur Geräusche erzeugen, sondern auch leichte Vibrationen, die auf den späteren Aufnahmen u.U. sichtbar werden.
Der MeLE arbeitet dagegen vollkommen geräusch- und vibrationslos.
Allerdings hat die passive Kühlung auch eine Kehrseite: Unter längerer hoher Last kann das Gehäuse sehr warm werden. Erfahrungen mit dem Quieter 4C zeigen ebenfalls, dass die passive Kühlung zu einer deutlich erhöhten Gehäusetemperatur führen kann.
Für eine typische Aufnahmesession mit N.I.N.A. ist das normalerweise kein Problem.
Anschlüsse und Kabelmanagement
Hier dreht sich das Ergebnis komplett um.
Der EAGLE 6 wurde genau für diesen Anwendungsfall entwickelt.
Er verfügt über insgesamt zehn USB-Anschlüsse, darunter vier schnelle USB-3.2-Anschlüsse, sowie mehrere 12-V-Ausgänge. Vier der 12-V-Ausgänge können ferngesteuert ein- und ausgeschaltet werden. Zusätzlich stehen drei regelbare 0–12-V-Ausgänge für Heizungen zur Verfügung.
Das ist ein enormer Vorteil.
Ein typisches Setup könnte beispielsweise so aussehen:
- Hauptkamera
- Guidingkamera
- Montierung
- Fokuser
- Filterrad
- Rotator
- Wetterstation
- USB-Verbindung zum Zubehör
Beim EAGLE kann vieles direkt angeschlossen und zentral versorgt werden.
Beim MeLE benötigt man dagegen häufig zusätzliche Komponenten:
MeLE → USB-Hub → astronomisches Zubehör
und
12-V-Netzteil/Powerbox → Montierung/Kamera/Heizungen
Damit wird aus dem kleinen Mini-PC schnell ein System mit zusätzlicher Verkabelung.
Klarer Vorteil: EAGLE 6

Stromversorgung
Das ist meines Erachtens der größte Unterschied zwischen den beiden Konzepten.
Der MeLE ist schlicht ein Computer.
Der EAGLE 6 ist dagegen Computer, USB-Hub und Stromversorgung in einem Gerät.
Das ist besonders bei mobilen Setups interessant.
Beim EAGLE lassen sich mehrere astronomische Komponenten direkt über das Gerät versorgen und teilweise auch ferngesteuert schalten. Dadurch reduziert sich die Anzahl der benötigten Komponenten am Teleskop erheblich.
Wer bereits eine hochwertige Powerbox (z.B. Pegasus, SVBony) besitzt, wird diesen Vorteil allerdings deutlich weniger benötigen.
Windows und Software
Beide Systeme können mit Windows 11 betrieben werden.
Und genau hier liegt ein großer Vorteil des MeLE gegenüber speziellen Astrocomputern:
Man erhält einen vollwertigen Windows-PC.
Damit kann praktisch jede Windows-basierte Astronomie-Software installiert werden:
- N.I.N.A.
- PHD2
- ASTAP
- ASCOM
- Stellarium
- SharpCap
- FireCapture
- Hersteller-Software der Kameras
- Fokuser- und Montierungssoftware
- Remote-Desktop-Lösungen
Der MeLE verhält sich dabei wie ein ganz normaler Windows-Rechner.
Das macht ihn besonders interessant für Anwender, die bereits eine eigene Infrastruktur aus Software und Zubehör besitzen.
N.I.N.A. und Deep-Sky-Fotografie
Für den klassischen Deep-Sky-Einsatz sehe ich beim MeLE keinen entscheidenden Nachteil gegenüber dem EAGLE.
N.I.N.A. benötigt keine spezielle Hardware.
Die eigentliche Aufgabe des Rechners besteht darin, die Geräte anzusteuern, Bilder entgegenzunehmen, Plate Solving durchzuführen, Guiding-Daten zu verarbeiten und die Aufnahmesequenz abzuarbeiten.
Genau das beherrscht der N100 problemlos.
Bei einem typischen Setup mit beispielsweise:
ASI2600MC/ASI2600MM + Montierung + EAF + Filterrad + PHD2 + N.I.N.A.
ist der MeLE ausreichend leistungsfähig.
Remote-Betrieb
Für einen Remote-Betrieb sind beide Systeme interessant.
Der MeLE lässt sich einfach über Windows Remote Desktop oder vergleichbare Lösungen bedienen.
Der EAGLE ist allerdings stärker auf den astronomischen Remote-Betrieb ausgelegt.
Besonders interessant sind die zusätzlichen Steuerungs- und Überwachungsfunktionen des EAGLE. Die aktuelle EAGLE-6-Plattform bietet beispielsweise Lights-Out Management sowie zusätzliche Ein-/Ausgänge für Observatory-Aktionen.
Das kann in einer festen Sternwarte einen echten Mehrwert darstellen.
Für den mobilen Astrofotografen ist dieser Vorteil dagegen möglicherweise weniger relevant.
WLAN und Netzwerk
Für einen Astro-PC ist eine stabile Netzwerkverbindung oft wichtiger als maximale Geschwindigkeit.
Denn wenn der Rechner am Teleskop steht und man ihn vom warmen Haus aus steuern möchte, ist eine stabile Verbindung entscheidend.
Hier sollte man allerdings nicht nur die theoretischen WLAN-Spezifikationen betrachten.
Die tatsächliche Reichweite hängt stark von:
- Antennenposition
- Entfernung
- Gebäuden
- Frequenzband
- Access Point
- Störquellen
ab.
Bei einem mobilen Setup würde ich deshalb grundsätzlich empfehlen, den Rechner möglichst über ein stabiles 5-GHz-WLAN oder Ethernet anzubinden, sofern die Infrastruktur dies erlaubt.
Größe und Gewicht
Der MeLE spielt hier seine Stärke aus.
Der kleine Rechner ist kaum größer als eine Zigarettenschachtel und kann mit einer geeigneten Halterung problemlos am Teleskop beziehungsweise an der Montierung befestigt werden.
Das ist gerade bei mobilen Setups interessant.
Der EAGLE 6 ist deutlich größer, wurde aber ebenfalls speziell für die Montage am Teleskop entwickelt.
Dabei ist allerdings zu berücksichtigen:
Der EAGLE ersetzt nicht nur einen PC.
Er ersetzt gleichzeitig Teile der USB- und Stromversorgungsinfrastruktur.
Der Größenvergleich allein ist deshalb etwas irreführend.
Temperatur und Betrieb im Winter
Ein interessanter Aspekt für die Astrofotografie ist der Betrieb bei niedrigen Temperaturen.
PrimaluceLab verwendet beim EAGLE 6 ausdrücklich Industriekomponenten für SSD und RAM, die für zuverlässigen Betrieb auch bei niedrigen Temperaturen ausgelegt sind.
Der MeLE ist ebenfalls für einen Einsatz in einem großen Temperaturbereich konzipiert und seine passive Kühlung hat grundsätzlich einen Vorteil: Es gibt keinen Lüfter, der durch kalte Außenluft permanent Staub und Feuchtigkeit durch das Gerät bewegt.
Bei extrem kalten Nächten würde ich trotzdem bei beiden Geräten auf einen gewissen Wetterschutz achten.
Preis-Leistungs-Verhältnis
Hier wird der Unterschied zwischen beiden Konzepten besonders deutlich.
Der MeLE ist ein sehr günstiger Windows-PC.
Man erhält:
- Intel N100
- 8 GB RAM
- 256 GB SSD
- Windows 11
- passive Kühlung
- sehr kompakte Abmessungen
Für die reine Rechnerleistung ist das Preis-Leistungs-Verhältnis hervorragend.
Beim EAGLE 6 bezahlt man dagegen nicht primär für den Prozessor.
Man bezahlt für das Gesamtsystem:
PC + USB-Hub + Stromversorgung + Dew-Heater-Steuerung + GPS + Sensorik + Montagekonzept + Astro-Integration.
Das muss bei einem Preisvergleich unbedingt berücksichtigt werden.
Fazit
Der Vergleich zwischen dem PrimaluceLab EAGLE 6 und dem MeLE Quieter 4C zeigt sehr deutlich, dass beide Rechner eigentlich unterschiedliche Zielgruppen ansprechen.
Der MeLE Quieter 4C ist für mich der überraschend starke Preis-Leistungs-Sieger.
Für relativ wenig Geld erhält man einen kleinen, lautlosen Windows-PC mit einem modernen Intel N100, 8 GB RAM und 256 GB SSD.
Für die reine Steuerung eines modernen Astrofotografie-Setups mit N.I.N.A., PHD2, ASTAP und ASCOM ist die Leistung mehr als ausreichend.
Wer bereits eine Powerbox, einen USB-Hub und eine eigene Stromversorgung besitzt, bekommt mit dem MeLE einen hervorragenden Astro-Steuerrechner.
Der PrimaluceLab EAGLE 6 ist dagegen die wesentlich elegantere Komplettlösung.
Seine Stärke liegt nicht in der reinen CPU-Leistung, sondern in der Integration. USB-Anschlüsse, Stromversorgung, Dew-Heater-Steuerung, GPS und weitere Sensoren sind bereits Bestandteil des Systems.
Damit reduziert der EAGLE die Anzahl der Geräte und Kabel am Teleskop erheblich.
Meine Bewertung
| Kategorie | EAGLE 6 | MeLE Quieter 4C |
|---|---|---|
| CPU-Leistung | ★★★ | ★★★★½ |
| Lüfter-Vibrationen | ★★★★★ | ★★★★★ |
| USB-Anschlüsse | ★★★★★ | ★★★ |
| Stromversorgung | ★★★★★ | ★ |
| Dew-Heater-Steuerung | ★★★★★ | ★ |
| Kompaktheit | ★★★★ | ★★★★★ |
| Astro-Integration | ★★★★★ | ★★★ |
| Flexibilität | ★★★★ | ★★★★★ |
| Preis/Leistung | ★★★ | ★★★★★ |
| Gesamteindruck | ★★★★½ | ★★★★½ |
Der EAGLE 6 ist die bessere Lösung für …
- feste Sternwarten
- komplexe Teleskop-Setups
- Anwender ohne separate Powerbox
- umfangreiche Verkabelung
- Remote-Observatorien
- Anwender, die möglichst viele Funktionen in einem Gerät vereinen möchten
Der MeLE Quieter 4C ist die bessere Lösung für …
- mobile Astrofotografie
- N.I.N.A.-Setups
- kleine und mittlere Teleskope
- Anwender mit vorhandener Powerbox
- Anwender, die maximale Rechenleistung für wenig Geld möchten
- besonders leichte Setups
- Astrofotografen, die einen vollwertigen Windows-PC benötigen
Mein persönliches Fazit
Wer einen möglichst leistungsfähigen und günstigen Astro-PC sucht, sollte zum MeLE greifen.
Der Intel N100 macht den kleinen Rechner zu einem erstaunlich leistungsfähigen Steuer-PC, während die passive Kühlung für einen komplett lautlosen Betrieb sorgt.
Wer dagegen ein vollständig integriertes Steuerzentrum für sein Teleskop sucht, ist mit dem EAGLE 6 besser bedient.
Der entscheidende Vorteil des EAGLE ist nicht seine CPU. Der entscheidende Vorteil ist die Integration der gesamten Peripherie.
Genau deshalb ist der EAGLE 6 trotz der auf den ersten Blick schwächeren Hardware keineswegs der schlechtere Rechner. Er ist vielmehr ein spezialisiertes Astronomie-System, während der MeLE ein hervorragender universeller Mini-PC ist.
Für mein eigenes mobiles Astrofotografie-Setup würde ich allerdings aufgrund des deutlichen Preis-Leistungs-Vorteils und der höheren CPU-Leistung den MeLE Quieter 4C bevorzugen – vorausgesetzt, eine separate Powerbox und ein USB-Hub sind ohnehin vorhanden.
